Ein Growth Mindset ermöglicht persönliches Wachstum und kann ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg sein
von Dr. Stefanie Regel, erschienen Oktober 2019

Die Entwicklung neuer Technologien, gesellschaftliche Veränderungen und fortschreitende Globalisierung bietet viele Chancen, bringt aber ebenso auch einen schnelleren Wandel des Arbeitsmarktes und einen stärkeren Wettbewerb mit sich. Dies bedeutet für Unternehmen und Mitarbeiter unwiderrufbare Herausforderungen – seien es persönliche oder berufliche. Um mit dem Wandel mitgehen zu können, setzt dies voraus sich Neuem gegenüber nicht zu verschließen, sondern im Gegenteil es als Chance und persönliche Entwicklungsmöglichkeit zu begreifen. Sich Veränderungen zu entziehen, kann auf Dauer zum Nachteil geraten – verbildlicht hieße das:

Während einige Menschen dankbar für jede neue Herausforderung sind, reagieren andere wiederum mit Skepsis und Abneigung darauf. Was sind die Gründe dafür? Und wie gelingt ein anderer Umgang damit?

 

‘Fixed’ versus ‘growth’ Mindset: Unsere Bereitschaft persönlich zu wachsen

Darüber wie wir mit Herausforderungen umgehen, entscheidet unser Mindset – die sog. geistige Einstellung oder Mentalität. Carol Dweck, Professorin für Psychologie an der Stanford University, hat zu Motivation, Persönlichkeit und sozialer Entwicklung geforscht. Bekannt sind dabei vor allem ihre Arbeiten zum Mindset (e.g., Dweck, 2007). Demnach begründen Menschen ihre Fähigkeiten und ihr Können auf einer angeborenen Begabung – dem ‘fixed mindset’ – oder vielmehr auf einer persönlichen Weiterentwicklung durch Neugier, Lernen und Beharrlichkeit – dem ‘growth mindset’. Während dem ‘fixed mindset’ die Einstellung zugrunde liegt Intelligenz sei etwas angeborenes und unveränderliches, beruht ein ‘growth mindset’ auf dem Glauben an eine wachsende und veränderliche Intelligenz. Beide Einstellungen stellen jeweils Endpunkte entlang eines Kontinuums dar, mit dem sich das Mindset eines Menschens charakterisieren lässt. Auch wenn sich Menschen nicht über ihr Mindset bewusst sind, so lässt es sich doch an ihrem Verhalten ablesen – insbesondere daran wie sie mit Misserfolgen umgehen. Worin sich die beiden Einstellungen unterscheiden zeigt die Gegenüberstellung in Tabelle 1.

Menschen mit einem ‘growth’ Mindset suchen gern Herausforderungen, um daran persönlich zu wachsen und sind offen für Veränderungen. Hingegen nehmen Menschen mit einem ‘fixed’ Mindset Herausforderungen nur soweit an als unabdinglich und begegnen anstehenden Veränderungen zumeist mit Skepsis. Misserfolge und Kritik wirken für diese Menschen demotivierend auf ihre Bereitschaft sich weiterzuentwickeln, da sie ihre grundlegenden Fähigkeiten in Frage gestellt sehen.

Dabei sollte ein Scheitern anders gedeutet werden: Denn nicht die gesamte Persönlichkeit stellt es in Frage, sondern lediglich ein vereinzeltes Verhalten oder eine bestimmte, noch nicht stark genug ausgeprägte Fähigkeit. Statt man schafft es überhaupt nicht, sollte es vielmehr heißen man schafft es noch nicht. Es ist nicht der Erfolg, der uns wachsen lässt, sondern gerade das Scheitern und die Misserfolge sind es, an denen wir uns weiterentwickeln. Unsere Bereitschaft neue Lösungen zu finden, unser bisheriges Herangehen zu überdenken oder Erarbeitetes noch besser zu machen, kann eine kontinuierliche Entwicklung in Gang setzen. Ist diese Bereitschaft hoch, gelingt es auch in Bereichen voranzukommen, die einem schwerer fallen, und so seine persönliche Ziele zu erreichen und seine Wünsche zu realisieren.

Neuroplastizität des menschlichen Gehirns

Grundlage einer persönlichen Weiterentwicklung ist die Neuroplastizität des menschlichen Gehirns (Sarrasin et al., 2018). Mit jeder neuen Erfahrung reorganisieren sich neuronale Netzwerke und Verbindungen bis zu einem gewissen Umfang. Anpassungsmechanismen sorgen für eine Neuordnung von Molekülen und Neuronen bis hin zu größeren neuroanatomischen Strukturen. Letztere setzten dabei ein intensives und langanhaltendes Training voraus. Gilt unser Gehirn mit Eintritt in das Erwachsenenalter als ausgereift, so bedeutet dies nicht, dass es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr veränderbar wäre. ‘Ausgereift’ meint zunächst, dass sich wesentliche Hirnstrukturen und Neuronenverbindungen herausgebildet haben, die benötigt werden, damit das menschliche Gehirn lernfähig, flexibel und anpassungsfähig bleibt. Sei es, um neue Informationen zu verarbeiten oder auch andere Funktionen nach Hirnschädigungen (teilweise) zu übernehmen. Unser Gehirn ermöglicht es uns somit selbst im Erwachsenenalter zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Ausgehend vom einem entsprechendem Mindset können durch Lernen und Wiederholung neue Neuronenverbindungen geknüpft und ältere gestärkt werden, die unser Denken und Verhalten nachhaltig ändern.

Welche Vorteile bietet eine ‘growth’ Mindset?

Unser Mindset ist die Grundlage für persönliches Wachstum und kann ein Schlüssel zum Erfolg, und ebenso auch zum Misserfolg sein bei einem unveränderlichen Mindset (Schroder, Moran, Donnellan, & Moser, 2014). Es beeinflusst wesentliche Bereiche unseres Lebens und entscheidet maßgeblich über unseren Umgang mit Stress, unsere Resilienz und unser Wohlbefinden. Es wird kaum jemanden geben, der zu jeglichen Themen ein ‘growth’ Mindset besitzt – umso wichtiger ist es, die Themen für sich zu identifizieren, bei denen sich eine Wachstumsorientierung lohnt. Gelingt es, sich die positiven Seiten herausfordernder Themen zu verdeutlichen, lässt sich eher eine andere Einstellung dazu gewinnen. Ein ‘growth’ Mindset kann sich positiv auf unsere Kreativität, Zielstrebigkeit, allgemeine Zufriedenheit, den Umgang mit Konkurrenz oder beruflichen Anforderungen auswirken (e.g., Mrazek et al., 2018).

Wie gelingt es ein ‘growth’ Mindset zu entwickeln?

Als ein erster Schritt gilt es, sich bewusst zu machen, wie man generell mit Herausforderungen umgeht. Sind es verschiedene Situationen, in denen einem Herausforderungen Unbehagen bereiten oder lassen sich einzelne Situationen ausmachen? Geht es dabei eher um ähnliche oder verschiedene Themen? Gibt es einen Zusammenhang zu den daran beteiligten Personen? Diese Anhaltspunkte können helfen sein eigenes Mindset als ‘fixed’ oder ‘growth’ orientiert zu verorten.

Wenn es für Sie ein Anliegen ist sich persönlich weiterzuentwickeln, ist es hilfreich seine grundsätzliche Einstellung zu Herausforderungen überdenken. Welche Chancen bedeuten sie? In welchen Bereichen hilft eine Weiterentwicklung bestimmter Fähigkeiten noch? Wie kommen Sie Ihren Zielen damit näher? Was gewinnen Sie darüber hinaus noch?

Ebenso könnte es helfen sich zu verdeutlichen, was die Gründe dafür sind, bestimmte Herausforderungen nicht so anzunehmen wie es nötig wäre. Manchmal lässt es sich dies an einem Thema oder Bereich festmachen, der Ihnen nicht so eingängig ist, Sie eventuell noch zu wenig Vorwissen besitzen oder Ihnen die Herangehensweise schwer fällt. Ebenso kann es mit beteiligten Personen zu tun haben, eine eventuelle Konkurrenzsituation oder die höhere Expertise anderer.

Ein weiterer Anhaltspunkt ist es für sich zu klären, wie es einem in herausfordernden Situationen geht. Empfinden Sie eventuell vermehrt Stress oder Unbehagen? Wie reagieren Sie, wenn unmittelbare Erfolge ausbleiben?

Aufbauend auf Ihren Antworten zu diesen Fragen lässt sich eventuell schon schließen wo Sie ansetzen können, um eine positive und wachstumsorientierte Einstellung zu entwickeln. Als ein weitere Möglichkeit könnten professionelle Coachings in Anspruch genommen werden. Coachings ermöglichen es, die (Selbst)Reflexionsfähigkeit zu stärken und könnten helfen die Gründe des ‘fixed’ Mindset Verhaltens zu identifizieren. Darauf aufbauend lassen sich gezielt relevante Potentiale entfalten, die eine nachhaltige Änderung des eigenen Mindsets hin zu einem ‘growth’ Mindset bewirken (Burgoyne, Hambrick, Moser, & Burt, 2018).

 

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Quellen

Burgoyne, A. P., Hambrick, D. Z., Moser, J. S., & Burt, S. A. (2018). Analysis of a mindset intervention. Journal of Research in Personality, 77, 21–30. https://doi.org/10.1016/j.jrp.2018.09.004
Dweck, C. S. (2007). Mindset: The New Psychology of Success (Updated edition). New York: Ballantine Books.
Mrazek, A. J., Ihm, E. D., Molden, D. C., Mrazek, M. D., Zedelius, C. M., & Schooler, J. W. (2018). Expanding minds: Growth mindsets of self-regulation and the influences on effort and perseverance. Journal of Experimental Social Psychology, 79, 164–180. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2018.07.003
Sarrasin, J. B., Nenciovici, L., Foisy, L.-M. B., Allaire-Duquette, G., Riopel, M., & Masson, S. (2018). Effects of teaching the concept of neuroplasticity to induce a growth mindset on motivation, achievement, and brain activity: A meta-analysis. Trends in Neuroscience and Education, 12, 22–31. https://doi.org/10.1016/j.tine.2018.07.003
Schroder, H. S., Moran, T. P., Donnellan, M. B., & Moser, J. S. (2014). Mindset induction effects on cognitive control: A neurobehavioral investigation. Biological Psychology, 103, 27–37. https://doi.org/10.1016/j.biopsycho.2014.08.004